Logbuch

Ahoy ihr teeschlürfenden Landratten

 

 

Der Captain unseres prachtvollen Seglers, der Shibba Queen, hat mir sein persönliches Logbuch anvertraut

und erwartet nun von mir zur allgemeinen Motivation der Crew daraus vorzulesen.

 

Also ihr Leichtmatrosen, kommt zusammen! Bo'sun, wenn ich bitten dürfte.

 

"ALL HANDS ON DECK!! ALL HANDS ON DECK!!"

 

Etwas zackiger da drüben! Alle beisammen? Gut.

Crew, ihr von der See geformten Männer. Höret, was der Captain über euch und eure glorreichen Taten zu sagen hat!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eintrag in das Logbuch vom 05. April Anno 1752, Liverpool, England

 

Noch liegen wir im nagelneuen Old Dock von Liverpool. Während die Arbeiten an der Sheba Queen ihrem Abschluss entgegen gehen, habe ich mir der Aufgabe angenommen die besten und härtesten Seebären Englands aus den Docklands zusammenzurufen und für mein Schiff anzuheuern. Gute Leute sind mir vorstellig geworden wie der gewaltige Hüne John Kanaka, der von den fernen pazifischen Inseln zu uns stieß; Padjo, das flinke Wiesel und Meister im Topsegel; der Nordmann Thorsinson, der als Bootszimmerer Reparaturen vornehmen soll; Brian, die Kehle und seine Gitarre, um uns in finsteren Stunden an die fröhlichen Dinge zu erinnern; Der stramme Jan, bekannt als geschickter Harpunier und wackerer Walfänger und nicht zuletzt der belesene Bursar Mr. Knot, der mir in Zukunft ab und an zur Hand gehen soll.

 

Diese sechs sind nicht nur auf ihrem Gebiet die besten. Nein, sie sollen die restlichen Halunken mit ihren melodischen Shanties und festgestricktem Seemannsgarn bei Laune halten und zu Höchstleistungen anspornen. Das wird die Arbeit erleichtern und lässt die schmerzenden Muskeln vergessen.

 

Unser erstes Ziel führt uns durch den Kanal, über den Skagerrak und Kattegat nach Lübeck. Dort laden wir um und verweilen einige Tage, bis die neue Ladung vollständig ist. Möge Petrus seine schützende Hand über uns halten.

 

 

Eintrag in das Logbuch vom 21. Mai Anno 1752, Lübeck, Heiliges römisches Reich

 

Seit zwei Tagen liegen wir im Hafen und warten auf eine große Ladung reinsten Salzes aus Lüneburg und starken Bieres aus Hamburg. Auf der Überfahrt hierher haben sich Shantyman Kanaka und MacCabe zusammen getan. Nun schmettern sie gemeinsam bestes Liedgut aus der Heimat. Kaum ein paar Tage fort und ich sehne mich danach die grünen Küsten Britanniens zu sehen. Doch das Geschäft muss weitergehen.

 

Mir kam zu Ohren, dass sich die Zwei in den Hafenschenken direkt einen Namen gemacht haben. Und schon packten die Lübecker Trägermannschaften meine Männer und schleppten sie zu einem lokalen Fest in Gedenken an die vergangene Größe des mächtigen Bundes der Hanse. Sie nennen diese neuen Freudentage hier HanseKulturFestival. Dort spielen sie zum Tanze auf. Kurzerhand wurden weitere der Mannschaft nach alter Tradition shanghaied und unterstützten dabei die maritimen Folksongs der britischen Inseln nach Lübeck zu bringen.

 

Morgen geht es mit einer gehörigen Brise Westwind nach St. Peterburg. Ich war noch nie in dieser jungen Stadt. Doch die Geschichten, die man hört, sprechen von der Pracht des Zarenreichs.

 

 

Eintrag in das Logbuch vom 22. Juni Anno 1752, Priwall

 

Ich wollte gerade das Kommando für "Leinenlos!" ausrufen lassen, da standen zwei Lübecker am Kai und forderten mit meiner Crew sprechen zu dürfen. Es handelte sich um einen Maler mit seinem Werkzeug und eine Proklamateurin. Ihrer Aussage nach zwei offizielle Vertreter der Stadt. Sie wollten den Bürgern zur allgemeinen Freude feierliches über meine Shanty Crew in dem Flugblatt namens Lübecker Nachrichten verkünden.

 

Ich entschied, dass wir gut in der Zeit lagen und die Abreise einen Tag Aufschub verkraften würde. Schon kurze Zeit später hielten wir das Papier in der Hand. Nicht nur der Titel, sondern fast eine komplette Seite erzählte über die prachtvollen Taten meiner Männer. Sie sind wahre Teufelskerle und müssen wohl wirklich mehr zu geben haben als Hauling Shanties für die Arbeit an Bord.

 

 

Eintrag in das Logbuch vom 26. Juni Anno 1752, Travemünde

 

Die Fahrt nach Osten verlief ruhig, auch wenn es im Moment einige Konflikte zwischen den Königreichen gibt. Zumindest konnten wir den Kaperfahrern entwischen, die uns für zwei Tage verfolgt hatten. Schließlich erreichten wir rechtzeitig die Mündung der Trave.

 

Hier leigen wir nun zwischen so vielen Schiffen, wie ich es schon siet Liverpool nicht mehr tat. Es sind dermaßen viele, dass die Crews sich dazu entschlossen haben ein paar Tage die Arbeit zu halbieren und ihre melodischsten Lieder vor den Bürgern der Stadt zu singen. Sie werden gar so übermütig und sind so von sich überzeugt, dass sie es ein Shanty Festival nennen.

 

Das erste mal für meine Jungs vor so vielen waschechten Seebären. Aber sie konnten überzeugen und nennen sich halb im Scherz, halb im Übermut Shanghaeid Shanty Crew. Obwohl ich darauf bestehen muss, ihnen gegenüber mein verehrter Leser, dass keinerlei Gewalt im Spiel war, als ich die tapfersten und wackersten Mannen zusammengetragen habe.

 

Zumindest konnten sie den tosenden Auditores zeigen, wie wir an Bord der Sheba Quenn haulen, pumpen oder den Capstan drehen und zugleich unsere Lieder, so sanft wie ein Chor von jungen Heulern gröhlen.

 

Danach statteten wir einem Urgestein des Seehandels einen Besuch ab. Die Crew der Lisa von Lübeck, einer Krawel aus alten Tagen der Hansezeit, gewährte uns die Ehre ihre Planken zu betreten. Wir sangen zu kühlem hansischen Biergenuss ein paar Shanties und ließen den Abend gemütlich ausklingen. Doch dann war es soweit nach Westen aufzubrechen.

 

Dieser Tag wird für lange Zeit in all unserer Köpfe verweilen.

 

 

Eintrag in das Logbuch vom 10. September Anno 1752, abermals Lübeck

 

Die See gibt uns, aber sie nimmt auch wieder.

 

Es sind traurige und stille Tage gewesen. Der Blanke Hans hat uns seine volle Macht zu spüren gegeben. Zwei Mann gingen in den Tiefen der tobenden See verloren. So waren wir letztendlich gezwungen unsere Überfahrt abzubrechen und in den Hafen von Hamburg einzulaufen.

Die Schäden sind zu stark, um sie nicht ausbessern zu lassen.

 

Doch wie so undurchsichtig das Meer ist, so unvorhersehbar ist das Leben. Wir trafen auf ein paar altbekannte Gesichter aus Lübeck, die uns direkt zu einem großen Fest zu Ehren der Lisa von Lübeck einluden.

 

Zum 25. mal feierten sie das Bestehen der Gesellschaft Weltkulturgut Hansestadt Lübeck e.V. Und wir mitten drin. Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen unseren Freunden und Kameraden ein paar Ständchen über Fernweh, die Heimat und harte Stunden der Plackerei an Bord zum Besten zu geben. Eine gute Zeit erwartete uns. Und so half uns der ein oder andere Humpen voll Grog oder Rotspon über das Erlebte hinweg.

 

Wer weiß, welch wundersame Begegnungen und Abenteuer uns in Zukunft begegnen werden.

 

 

Eintrag in das Logbuch vom 17. Dezember Anno 1752, Hannover.

 

Beim Klabautermann, unser Schiff wird den ganzen Winter in der Werft für Reparaturen festsitzen. Also bleibt uns nicht viel mehr überig, als das beste daraus zu machen.

 

Seit Wochen hausen wir nun in kleinen, zugigen Buden im Hafenviertel von St. Pauli. Jeder versucht für sich das Beste aus der Situation herauszuschlagen. Einige ziehen Streichhölzer, andere helfen in den Werften oder verdingen sich ihr täglich Brot als Träger oder auf der Reeperbahn.

 

Kanaka und MacCabe gelüstete es jedoch nach etwas neuem. Sie haben gehört, dass der Winter in den südlicheren Teilen des Reiches bei weitem erträglicher sein solle. So meldeten sie sich ab, strichen ihre Heuer ein und machten sich auf ins deutsche Kurfürstentum von Braunschweig-Lüneburg. Wie ich aus einem Brief erfuhr, waren sie in Hannover, jenem Ort, der unserem gesegneten König Georg II. Geburts- und Rückzugsort ist.

 

Dort trafen sie während eines Marktes mit viel Tanz und Feierei auf Bürger der britischen sowie irischen Heimat und kamen gut bei ihnen unter. Es scheint ihnen dort recht gut zu ergehen, wie ich aus ihren geschrieben Zeilen herauslesen konnte. Wobei ich mich immer noch frage, welchen Edelmann sie bestochen haben müssen, damit er sich hernieder lässt, um für die beiden Halunken einen Brief aufzusetzen.

 

Wie dem auch sei. Einige der Crew waren so begeistert, aber wohl eher von der Kälte und Langeweile geplagt, dass sie ihr weniges Geld und einige Habe zusammenstrichen. Ich denke, dass sie inzwischen auch dort angekommen sein sollten und sie dem weihnachtlichen Treiben im Historischen Dorf am Leineufer angeschlossen haben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie diese Leichtmatrosen verwundert auf die Crew und ihre Shanties reagiert haben.

 

Ich hoffe, dass sie im Frühjahr 1753 wieder zu mir stoßen werden, so dass die Sheba Queen ihren angestammten Platz auf hoher See wieder einnehmen kann. Wir werden wieder fremde Ufer zu Gesicht bekommen. Da bin ich mir gewiss!

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